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Begleittext: Über die Fotoserie "Große Liebe" von Sarah Bender-Kronberg

Einzelfoto der Serie "Große Liebe" von Sarah Bender Kronberg, 2024 (Bild vergrößern)
Bild zur Meldung: Einzelfoto der Serie "Große Liebe" von Sarah Bender Kronberg, 2024

Mit der Fotoserie „Große Liebe“ widmet sich Sarah Bender-Kronberg dem Hamburger Kiez im Stadtteil St. Pauli. Für die bildende Künstlerin ist dieser Ort, einer der „urbansten und widersprüchlichsten“ in Hamburg und deshalb umso spannender. 

Als eine Art Auftakt und Einführung in ihre neu entstandene Bilderreihe präsentiert Sarah in der Ausstellung „Art meets Fashion“ zwanzig ausgewählte Schwarz-Weiß-Fotografien in schlichten schwarzen Rahmen mit Passepartouts. „In dieser Serie zeige ich, wie das Viertel vom pulsierenden Nachtleben und dem künstlerischem Ausdruck geprägt ist.“, erzählt die Hamburgerin. 

Auf einzelnen Bildern sehen wir eine bekritzelte Wohnhaustür, den Eingang des in Neonlicht leuchtenden Penny Kiez‘, einen Graffiti Art-Popeye auf einer Baustellenwand, eine besprühte Mülltonne vor der St. Pauli Kirche, Inkasso-Henry als aufgestellte Art Walk Figur, Sexshop-Schaufensterpuppen, das Logo von Susis Show Bar mit ihrer gelb-leuchtenden Neonröhrenfrau und vieles mehr. 

Auffallend ist, dass Menschen nur in wenigen Fotos der Serie als Teil der Nachtleben-Szenerien zu entdecken sind. Die Silhouetten zweier Personen, die in den Penny hineingehen, erkenne ich – auch stehen weitere zwei im Innenraum vor der verglasten Automatik-Schiebetür. Auf einem anderen Bild sitzt ein*e Obdachlose*r mit Hut auf dem Kopf, in Decken gehüllt auf der Straße an eine Häuserwand gelehnt. Er*Sie blickt einem Hand in Hand spazierenden Pärchen hinterher, das bald durch die Ferne und Dunkelheit nicht mehr zu erkennen ist. 

Oft sind es vielmehr die von uns Menschen gemachten Spuren und Überbleibsel, die Sarah mit Liebe zum Detail einfängt und durch ihren Standpunkt beim Fotografieren und ihrer Auswahl des jeweiligen Bildausschnitts in den Blickpunkt rückt: So steht bspw. eine sich vor dem Nachtclub Le Premier befindende, überquellende Mülltonne der Stadtreinigung Hamburg im Mittelpunkt. Sie ist bemalt mit einer in einem Rettungsring sitzenden Meerjungfrau. Dann blicken wir bei einem anderen Bild direkt auf eine lebensgroße Superheld-Figur. Neben ihr stehen leere aufeinandergestapelte Astra-Kisten, die für die nächste Partynacht wieder aufgefüllt werden wollen. Die Kneipe Zum Goldenen Handschuh hat eine zerschlagene Fensterscheibe. Und auch drei alte, abgesessene Polstersessel, die wohl schon in vielen Nächten als gemütliche Sitzgelegenheiten dienten, sind es wert genug, um mit ihnen Geschichten und damit eine „persönliche Erzählung über die Identität des Viertels“ zu gestalten. 

Für einige ihrer Bilder wählte Sarah die Frontalperspektive – ein Fotografieren des Motivs auf Augenhöhe. So werden die Gegenstände recht originalgetreu in ihrer Größe und Form abgebildet. Und für uns Foto-Betrachter*innen wirkt es so, als ob wir selbst z.B. vor dem mit Alkoholflaschen, Bierdosen und Wasserpfeifen gefüllten Regal stehen. Als ob wir uns mitten auf dem Kiez befinden und selbst in eines der fotografierten Schaufenster schauen. Auch die Fensterscheibe der Cocktailbar und des Clubs Große Liebe fotografierte Sarah mit ihrer Kamera frontal. Daraus entstand ein Bild, welches das leuchtende Logo der Bar samt Lichterkettendekoration im Fenster sowie den Innenraum im Hintergrund und zugleich die Spiegelung der Straße samt Hausfassaden einfängt. Als titelgebendes Motiv der Serie ist es die einzige Reproduktion im größeren und fast quadratischen, nicht normgerechten Format. Auch das Spiegelbild von Sarah, der Fotografin ist zu entdecken – was dadurch an eine Schnappschussaufnahme erinnert, mal eben so, beim Vorbei- oder Hinausgehen kurz, spontan gemacht. Zu Dokumentationszwecken, um später eventuell als Erinnerungsstütze zu dienen – für einen wolmöglich heiteren, lebhaften Abend auf der Reeperbahn. Doch ist klar, dass das Amateurhafte als Stil hier eine bewusst gesetzte künstlerische Entscheidung ist. Um die Authentizität und die unmittelbare Atmosphäre des Ortes zu unterstreichen. Und professionelle Fotografierende wissen, dass das Fotografieren von Fensterscheiben samt Reflexionen gute technische Voraussetzungen, meist Nachbearbeitung und eine gute Kompositionsauswahl benötigt.

Frontal, ruhig und in sich abgeschlossen wirkt das Foto vom mexikanischen Totenschädel, der die Tür des Metal-Clubs headCRASH verziert. Auf den Zähnen des Schädels hat sich jemand mit dem berühmten Graffiti Slogan „FCSP“ für FC St. Pauli verewigt und das vermutlich heimlich. Im Kontrast zu ruhigeren, statischen Bildern mit zentralem Blickwinkel stehen Kompositionen, die durch ihre dynamische Linienführung Bewegung ins Spiel bringen. So ist die Penny Kiez Szene und das Bild von Susis Show Bar hierfür beispielhaft zu nennen. Auch einfache Sexshop-Schaufensterpuppen samt ihrer „Kostümierungen“ verwandeln sich durch Sarahs künstlerisch-fotografische Linse in ästhetische Bilder. 

Eine Besonderheit der Fotoserie sind die Lichtstimmungen der Schwarz-Weiß-Bilder. Sie erschaffen eine intensive, fast filmische Ästhetik, die das Erleben des Kiezes für die Betrachtenden nachempfindbar macht und die Grenzen zwischen Kunst und Dokumentation verschwimmen lassen. So wirkt die St. Pauli Kirche mit dem Mülleimer im Bildvordergrund vor der Mauer stehend, durch seine Lichtgestaltung wie eine verlassene Film-Kulisse. Eine mystisch wirkende Szene ist hier als Momentaufnahme eingefroren und dient zugleich als visuelles Zeitdokument. 

Die Fotografien der Serie bestechen mit ihrem dokumentarisch-ästhetischem Charakter. Auf besondere künstlerisch wertvolle und ungewöhnliche Art erzählen sie vom Hamburger Kiez, weltweit bekannt als Amüsierviertel und Party-Hotspot mit lebhafter Kunst- und Kulturszene. 

 

Die Fotoserie war in der Ausstellung "Art meets Fashion" zu sehen: 

 

Vernissage: 
Donnerstag 14.11.2024 
von 17-23 Uhr

 

Elbschmiede Altona/ Werkhaus Fashion, 
Große Elbstraße 146, 
Hamburg